{"id":84,"date":"2017-12-06T15:32:53","date_gmt":"2017-12-06T14:32:53","guid":{"rendered":"http:\/\/musterblog.spdns.de\/?p=84"},"modified":"2017-12-06T15:32:53","modified_gmt":"2017-12-06T14:32:53","slug":"kulturelles-gedaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/musterblog.spdns.de\/?p=84","title":{"rendered":"Kulturelles Ged\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"<p class=\"EPVText\">\u201eWer alle Dinge erinnert, vergisst die Ordnung der Welt\u201c (Lachmann 1991, 122 zit. in ebd., 103), da er nicht sortieren, verbinden und auslassen, sprich Muster bilden w\u00fcrde. Dies ist, was ein Ged\u00e4chtnis ausmacht und von einer Computerfestplatte unterscheidet, die zwar vieles speichern, aber nicht in einen Sinnzusammenhang bringen kann. Im Zuge des technischen Fortschritts nimmt die Dimension an Speicherm\u00f6glichkeiten immer weiter zu, sodass die Masse an gespeicherten Daten uns schnell erdr\u00fcckt, anstatt dass sie uns hilft, zu erinnern. Lagert man beispielsweise Fotos in digitaler Form, kann man zwar viel mehr Bilder aufzubewahren, als mit analogen Mitteln, jedoch geht dadurch gleichzeitig die M\u00f6glichkeit verloren, Fotos zusammen mit anderen anzusehen und sich gemeinsam an die Erlebnisse zu erinnern. Erst durch Interaktion mit anderen werden Erinnerungen wieder lebendig und ein kollektives Ged\u00e4chtnis entsteht. Hierzu ist eine gut getroffene Auswahl ausreichend und auch n\u00f6tig, um einerseits genug Aufmerksamkeit f\u00fcr alle Bilder aufbringen zu k\u00f6nnen und andererseits zu ordnen und gemeinsame Erinnerungsmuster zu bilden. (vgl. Kolhoff-Kahl 2009, 103)<\/p>\n<p class=\"EPVText\">Genauso wie das individuelle Ged\u00e4chtnis arbeitet auch das kulturelle Ged\u00e4chtnis mit dem Aufbewahren bestimmter, als wichtig und erinnerungsw\u00fcrdig erachteter Informationen, hier haupts\u00e4chlich in Form von kulturellen Relikten. Auch diese werden erst durch die Anteilnahme des Einzelnen lebendig. Je mehr verschiedene Zug\u00e4nge einem zum kulturellen Ged\u00e4chtnis gew\u00e4hrt werden, desto vielschichtiger kann es reflektiert und mit Aktuellem verglichen und analysiert werden. Begrenzt ein totalit\u00e4res System diese Auswahl und beleuchtet nur die Seite, welche die vorherrschenden Ideologien unterst\u00fctzt, besteht lediglich eine \u201eIllusion von Alternativen\u201c (Kolhoff-Kahl 2009, 104), denn jene Informationen, die kontr\u00e4re Denk- und Handlungsweisen anregen k\u00f6nnten, werden verborgen. (vgl. Kolhoff-Kahl 2009, 104; 106)<\/p>\n<p class=\"EPVText\">Das kollektive Ged\u00e4chtnis bildet sich durch die Erinnerungen, die Menschen teilen, sowie die weitreichenden, allgemeineren Erinnerungen des kulturellen Ged\u00e4chtnisses. Maurice Halbwachs, der diesen Begriff gepr\u00e4gt hat, geht es hierbei um den \u201ekonstruktivistischen, identit\u00e4tssichernden Charakter\u201c (ebd., 106) des kollektiven Ged\u00e4chtnisses, durch den ein Wir-Gef\u00fchl entsteht. Anders als die neutrale Geschichtswissenschaft ver\u00e4ndert und begrenzt sich das kulturelle Ged\u00e4chtnis mit den Menschen, die es teilen. Eine Generation, beispielsweise, die einen Krieg selbst miterlebt hat, erinnert sich anders daran, als eine, die sich ein Jahrhundert sp\u00e4ter damit im Geschichtsunterricht auseinandersetzt. Dadurch, dass gewisse Relikte \u00fcber Generationen hinweg weitergegeben werden, werden auch die mit ihnen verbundenen Muster neu in das kollektive Ged\u00e4chtnis eingewoben. Besonders tradierte Vorurteile und Denkmuster bleiben so sehr pr\u00e4sent und schwer ver\u00e4nderbar. (vgl. Kolhoff-Kahl 2009, 106f.)<\/p>\n<p class=\"EPVText\">Aleida Assmann teilt das kollektive Ged\u00e4chtnis in zwei Faktoren auf und unterscheidet zwischen einem \u201eentk\u00f6rperten unbewohnten Speicherged\u00e4chtnis\u201c (ebd., 107) und einem \u201everk\u00f6rperten bewohnten Funktionsged\u00e4chtnis\u201c (ebd.). Das Funktionsged\u00e4chtnis beinhaltet alles, was im aktuellen Kontext bedeutsam ist, es ist begrenzt, dynamisch und kommunikativ. Das Speicherged\u00e4chtnis repr\u00e4sentiert all das Wissen, das in Museen, Medien, etc. gesammelt ist, ohne zu werten oder zu selektieren. Die Zunahme an Speicherm\u00f6glichkeiten au\u00dferhalb des menschlichen Gehirns f\u00fchrt dazu, dass das Speicherged\u00e4chtnis immer weiter gef\u00fcllt werden kann, w\u00e4hrend das Funktionsged\u00e4chtnis beschr\u00e4nkt bleibt. Heutzutage erleben wir t\u00e4glich durch verschiedene Medien einen \u00dcberfluss an Informationen, der auf \u201evergessensintensive Serialit\u00e4t\u201c statt auf \u201ebewertendes Erinnern\u201c (Assmann 1999, 412 zit. in ebd., 112) abzielt und unsere kulturellen Muster und Ideale beeinflusst. Wir sollten versuchen, diese nicht unreflektiert anzunehmen, sondern sie aus Distanz betrachten und mit den Informationen des Speicherged\u00e4chtnisses vergleichen, um neue Perspektiven zu erlangen und Ver\u00e4nderungen zu gestalten. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass Moral- und Wertvorstellungen sich nach dem r\u00e4umlichen und zeitlichen Kontext, in dem man lebt, entwickeln und demnach ebenso zuf\u00e4llig wie verschieden sind. (vgl. Kolhoff-Kahl 2009, 107-110; 112f.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWer alle Dinge erinnert, vergisst die Ordnung der Welt\u201c (Lachmann 1991, 122 zit. in ebd., 103), da er nicht sortieren, verbinden und auslassen, sprich Muster bilden w\u00fcrde. Dies ist, was ein Ged\u00e4chtnis ausmacht und von einer Computerfestplatte unterscheidet, die zwar vieles speichern, aber nicht in einen Sinnzusammenhang bringen kann. 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